Peter Doherty im WUK // Review

Es gibt kaum Personen, die einen sich so alt fühlen lassen können, wie die Idole der eigenen Jugend. Peter Doherty ist so jemand. Er war neben Julian Casablancas von den Strokes ein Indie-Rock Star der ersten Stunde. 2002 erschien das erste Album seiner Band The Libertines (nachdem davor schon viele Demos ihrer Songs auf diversen Websites herumgeisterten), „Up The Bracket“. 2002. 17 Jahre ist das also her. 17!

Und auch wenn es eher melancholisch stimmt, sich mit etwas Nostalgie gespickt an den Soundtrack der eigenen Jugend zu erinnern, haben sich heute, an einem windigen Montag Mitte Mai, unzählige Menschen im WUK versammelt, in dem Pete Doherty nach langer Wien-Abstinenz ein Konzert mit seiner neuen Band The Puta Madres spielen wird. Das Konzert ist ausverkauft und schon über eine Stunde vor Konzertbeginn tummeln sich die Leute vor dem Eingang (und der ein oder andere hat schon Petes Huskys zu streicheln bekommen, die er im Park neben dem WUK Gassi führte).

Lange schon ist Peter Doherty zu einer Projektionsfläche geworden, für Charakterentwürfe, die nicht mehr viel mit ihm selbst zu tun haben. Für sehr viele Menschen – vorwiegend jene, die sich nicht mit seiner Musik beschäftigen – ist Pete kaum mehr als ein versiffter Rockstar, der Supermodels datet, zu viele Drogen nimmt und ständig wegen irgendwelcher skurrilen Begebenheiten in den (Boulevard-) Medien auftaucht. Und auch wenn vielen der Skandalgeschichten über ihn ein wahrer Kern zugrunde liegen mag, wird gerne übersehen, dass Peter Doherty sehr viel mehr ist als diese Geschichten und man ihm Unrecht tut, wenn man ihn nur auf diese oberflächliche Schlagzeilen reduziert.

Geboren im nordenglischen Northumberland, hat Pete seine Kindheit und Jugend als durch Europa reisender Vagabund verbracht. Sein Vater war ein hochrangiger Militär-Offizier, Umzüge waren deshalb in Petes Familie keine Seltenheit. Auch in den letzten Jahren ist er oft ungezogen, mal nach Frankreich, mal nach Deutschland. Mittlerweile wohnt er im beschaulichen Margate, einer etwas heruntergekommenen Seestadt im Südosten Englands.

Petes Leben ist also nicht nur geprägt von Unbeständigkeit (die auch etwas sein flatterhaftes Wesen erklären würde), sondern auch von einigen Verlusten in seinem Privatleben. Abgesehen von allerhand drogeninduzierten Toden in seinem Freundes- und Bekanntenkreis, scheint auch keine seiner Liebesbeziehungen von langer Dauer zu sein. Auch die mit seiner Freundin Katia DeVidas, die immer noch mit ihm in einer Band ist, fand nach relativ kurzer Zeit wieder ein Ende. Viel Spannungen scheint es ob der Tatsache, dass sie weiterhin miteinander touren und auftreten jedoch nicht zu geben, zumindest auf der Bühne ist heute nichts davon zu sehen. Pete und die Band kommen beinahe pünktlich um kurz nach 21 Uhr auf die Bühne und verschwenden nicht viel Zeit, bevor sie mit dem ersten Song beginnen. Die nächsten 50 Minuten des Konzertes ziehen sich dann enorm. Die Band spielt nur Songs des Ende April erschienenen selbstbetitelten Puta Madres Albums, was zwar zu erwarten war, aber nichts daran ändert, dass die Performance ewas einschläfernd wirkt, sind die Songs auf dem Album doch hauptsächlich durchschnittliche, nichtssagende Indie-Rock Melodien, sehr sehr weit entfernt vom clash-artigen, Reggae-lastigen Punk Sound der Libertines, oder dem unmittelbaren Sound der Babyshambles, einer Band mit der Pete lyrics-technisch auf seinem Höhepunkt war. Petes Band, die Puta Mades, harmonieren auf der Bühne nicht wirklich, auch wenn Katia, die Keyboarderin eine einnehmende Bühnenpräsenz hat und auch der etwas hyperaktive Gitarrist Jack Jones sichtlich Spaß an seinem Job hat. Bassist und Drummer wirken während dem Konzert oft als würden sie sich zu Tode langweilen/bühnenscheu sein/mit dem Hangover des letzten Abends nicht klarkommen/alles gemeinsam.

Man fragt sich, was verloren ging in den letzten Jahren, wann Petes Musik den Funken verloren hat, der sie ausgemacht hat. Eine beinahe mystische Energie, eine die auf „Anthem for a Doomed Youth“ fehlt, auf „Hamburg Demonstrations“ und auch auf dem neuen The Puta Madres Album.

Die Libertines haben ursprünglich eine Gemeinschaft um sich herum versammelt, wie es sie selten zuvor gegeben hat, ich erinnere mich an viele seiner Solo-Konzerte in den späten Nullerjahren, die bei allen Besuchern ein Gefühl der Verbundenheit ausgelöst haben, das Gefühl, gerade Zeuge von etwas ganz, ganz Großem zu sein. Das alles scheint heute verblasst zu sein, vielleicht liegt es am Alter von Pete und den Fans, vielleicht an der mäßigen Qualität seiner neuen Alben, vielleicht aber auch daran, dass alles seine Zeit hat und nichts für die Ewigkeit ist, auch nicht, wenn man es noch so sehr in tiefromantischen Songtexten heraufbeschwören will. Oh, what became of forever!

Als die Band dann noch nicht mal eine Stunde gespielt hat, verschwinden sie schon wieder von der Bühne, kommen dann aber für eine Zugabe wieder zurück. Und ab da wird es dann erst spannend. Pete spielt gemeinsam mit Katia eine sehr rohe Version von „You’re My Waterloo“, die mehr an die Demoversion von 2001 erinnert, als an die Albumversion von 2015. Auch ein Babyshambles-Song wird endlich gespielt, „Merry Go Round“ und mittlerweile findet wohl jeder im Raum, dass sich der Ticketpreis gelohnt hat. Die Band verschwindet wieder von der Bühne und kommt dann tatsächlich, nach langem Rufen des Publikums, noch für eine zweite Zugabe auf die Bühne. Sie spielen dann unter anderem „Fuck Forever“ und für einen kurzen Moment ist sie wieder da: eine unbändige, jugendliche Energie, die sich so anfühlt, als wäre es wieder 2005 und ein Publikum, das den Held ihrer Jugend so feiert, als wäre sie noch nicht vorüber.

Foto: Pressefoto WUK (© Thibault Leveque)

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