Essay: Ist Gewalt jemals gerechtfertigt?

Zu Beginn möchte ich klarstellen, dass ich, um den Artikel nicht zu sehr ausufern zu lassen,  in diesem Essay über physische Gewalt und nicht über psychische Gewalt sprechen werde, obwohl das Fazit wohl ein ähnliches wäre, würde ich beide Arten von Gewalt behandeln. 

Ich bin Pazifistin durch und durch und glaube, dass Gewalt grundsätzlich nicht zu rechtfertigen ist. Die Argumente, die gegen Gewalt sprechen sind vielfältig und wiegen in meinen Augen schwerer, als Argumente, die Gewalt rechtfertigen.

Das Recht auf physische Unversehrtheit ist ein universelles Menschenrecht und nicht umsonst zielen viele Revolutionen und Befreiungsbewegungen vor allem auf eins ab: Freiheit von Gewalt und Unterdrückung. Eine gewaltfreie Gesellschaft sollte also das Ziel einer jeden Nation sein. Gemäß der Kantschen Maxime ist dies nur möglich, wenn Gewalt niemals, von keiner Seite geduldet wird.

Gewalt, und das ist wissenschaftlich bewiesen, führt immer zu Gegengewalt.
Das fängt schon innerhalb der Familie an. Kinder, die von ihren Eltern geschlagen oder anderweitig missbraucht werden, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit im späteren Leben selbst aggressiv und gewalttätig (auch sich selbst gegenüber). Dieses Muster findet man überall, auch zwischen Nationen, setzt ein Land eine kriegerische Handlung, antwortet das angegriffene Land oft mit Bomben oder gewalttätigen Protesten.

Man könnte mutmaßen, dass deshalb auch Diplomatie von vielen Ländern hochgehalten wird, die aus Gewalt/Krieg als Lösung gelernt haben.

Als Gegenargument könnte man natürlich diverse Revolutionen und Bewegungen aus der Geschichte anführen, die zur Verbesserung der Situation für die unterdrückte Seite geführt haben und dabei nicht frei von Gewalt geblieben sind. Das ist richtig, man darf aber auch nicht vergessen, dass es Revolutionen gibt, die gänzlich ohne Gewalt auskommen, oder sich mit Aktionen im kollektiven Gedächtnis der Menschheit festgesetzt haben, in denen keine Gewalt vorkam. Gerade in den letzten Jahren, als Bewegungen wie Black Lives Matter, eine neue Welle des Feminismus und der LGBTQ-Gemeinde, Protestmärsche veranstalteten und Aufmerksamkeit auf ihre Anliegen lenkten, wurden viele Beispiele dafür geschaffen, wie gewaltfreier Protest aussehen kann.

Natürlich gibt es Situationen, in denen gewaltfreier Protest nicht einfach ist, denn schließlich braucht es für diesen oft ein Mindestmaß an Freiheit. Schwierig ist die Beantwortung der Problematik auch bei Fällen von zum Beispiel häuslicher Gewalt oder anderen tätlichen Angriffen. Hier sollte jedoch immer Verhältnismäßigkeit gewahrt werden. Niemals sollte mehr Gewalt anwenden, als unbedingt notwendig ist, um sich selbst zu retten und zu verteidigen. Gewalt sollte immer das letzte Mittel sein. Das gilt auch wenn die Gewalt von der „guten“ Seite ausgeht, denn wer entscheidet denn schlussendlich, welche die gute Seite ist?

Als Beispiel zur fehlenden Verhältnismäßigkeit ließen sich zum Beispiel die Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017 anführen. So verständlich eine kritische Einstellung gegenüber politischen Zusammenkünften wie dieser ist, so unsinnig und gefährlich, war der Protest, der sich auf Hamburgs Straßen entlud. Der Aufstand ist massiv aus dem Ruder gelaufen, wie die vielen Plünderungen, Brandstiftungen, und Sachbeschädigungen zeigen.

Abgesehen davon, dass man wohl davon ausgehen kann, dass viele Demonstranten nur die Gunst der Stunde nutzten, um ihre Aggressionen auszuleben und sich völliger Anarchie und Zerstörung hinzugeben, so wird außerdem die Kritik an der politischen Elite vollkommen ad absurdum geführt, wenn man seinen Mitmenschen und der Gesellschaft genau diesen Schaden zufügt, den man eigentlich anprangert.

Oft steht man bei der Beantwortung der Frage, ob Gewalt jemals gerechtfertigt ist,  vor einem ethischen Dilemma: Sollte man eingreifen, wenn Gewalt geschieht und vielleicht damit verursachen, dass weiteren Menschen Leid zugefügt wird? Diese Frage muss jedoch von Situation zu Situation individuell beantwortet werden und liefert selten eine klare Antwort. Schließlich gibt es nicht nur Schwarz und Weiß und immer mehr als eine Wahrheit.

Gewalt ist also niemals gerechtfertigt, manchmal jedoch verständlich.

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