This Is About An Angel // Ezra Furman in der Arena Wien // Review

Manchmal, so könnte man meinen, wird es beinahe langweilig.  Befasst man sich mit den Biographien und dem Werdegang großer Solo-Künstler, so stößt man meist auf wenig Überraschungen, sie gleichen sich in vielerlei Hinsicht. Aufgewachsen als Außenseiter in einer langweiligen Vorstadt, mit Selbstzweifeln und Komplexen, die sich irgendwann in Kunst kanalisieren und so den Weg in eine Welt ebnen, in der sie endlich erkannt werden, endlich wertgeschätzt werden.Für viele kommt diese Genugtuung zu spät, die Verhaltensweisen, die sich aus den Wunden der Kindheit ergaben, können nicht mehr abgelegt werden, vielleicht will man es auch gar nicht, da man in ihnen die Quelle seiner Kreativität vermutet.

Die Geschichte von Ezra Furman ist die eines solchen Außenseiters. Seit er denken kann, so erzählt er oft, fühlte er sich wie nicht von dieser Welt, fehl am Platz wegen seiner sexuellen Orientierung, seiner Bipolarität, dem Übermaß an Gefühlen, seinem hypersensiblen Wesen. Und dennoch ist die Geschichte von Ezra Furman eine ganz besondere. Sieben Alben hat er nun veröffentlicht, erst das sechste vor zwei Jahren erschienene „Perpetual Motion People“ bescherte ihm die große, breite Öffentlichkeit, die er seit Jahren herbeisehnt und viel länger schon verdient. Doch vielleicht war es gut, dass er so lange Zeit hatte, sich auf seinen Ruhm vorzubereiten, denn so blieb ihm die Wucht erspart, die andere Musiker oft trifft, wenn sie zu früh zu Superstars werden.

Lange bleibt es heute Abend dunkel in der Halle, bis Ezra Furman gegen 21 Uhr endlich die Bühne der gutbesuchten Wiener Arena betritt. Eine Vorband gibt es heute Abend keine, auf der ganzen Tour nicht. „We just couldn’t find the right one”, verlautbarte Ezra kurz zuvor.  Mehrmals während des Konzerts wird einem klar, warum. Furmans Konzerte haben etwas beinahe Sakrales an sich, von der ersten bis zur letzten Minute kreiert Ezras Band eine Atmosphäre, die einen im Glauben lässt, man würde einer geweihten Messe beiwohnen, in der nichts von den heiligen Ritualen ablenken darf. Vor allem sein neuestes Album „Transangelic Exodus“ das er auf dieser Tour zu seiner Gänze spielt, trägt zu diesem Eindruck bei. Die Songs tragen Titel wie „God Lifts Up the Lowly“ und „Psalm 151“ und klingen, als wären sie geschrieben worden für Gottesdienste in einer Welt, in der die Kirchen leer stehen und Konzerthallen ausverkauft sind, in der der Kapitalismus die Religion verdrängt hat.

Ezra singt auf diesem Album auch Lieder über ein Amerika, das zerrissen ist zwischen zwei Welten und Menschen wie ihn selbst, die sich in dem Dazwischen dieser beiden Pole befinden. Der Song „Suck the Blood From My Wound“ endet mit einem Shakespeare-Zitat aus Romeo und Julia, „a plague on both your houses“, ein Ausspruch Mercutios, der sich ebensowenig wie Ezra erklären kann, wie er da hineingeraten ist, in dieses Chaos, mit dem er so gar nichts und doch so viel zu tun hat.

Ich habe Ezra bereits eine Woche vor dem heutigen Konzert live in Paris gesehen. Er schien sich in den letzten Jahren kaum verändert zu haben, war immer noch so voller anklagendem Weltschmerz, der stärker von der Bühne strahlte, als die massive Scheinwerfer-Beleuchtung.  Heute Abend in Wien jedoch wirkt Ezra gefasster, ja beinahe glücklich und ausgeglichen.

„This is about an angel“ verkündet er nun, bevor die Band musikalisch in „God Lifts Up the Lowly“ hinübergleitet. Furmans obsessive Beschäftigung und Huldigung der Religion kann befremdlich und ab und zu übertrieben wirken. Es sind jedoch, wie zu Beginn dieses Artikels erwähnt, immer Menschen wie Ezra, deren Fluch eine Künstlerpersönlichkeit zu sein, zu einem Segen wird, der dann wieder zu seinem Fluch wird. Man hat Angst, er könne sich verlieren in der Welt des Showbusiness, der Drogen, der Exzesse, der Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit. Umso froher ist man dann darüber, dass er in der Religion einen Zufluchtsort gefunden zu haben scheint, in dem er all diesen Verlockungen entsagen kann.

Während Ezra auf der Bühne nun weitersingt über den „boy named Vincent“, an den er seine Unschuld verloren hat und seine erste Liebe, die er in einem blaugestrichenen Kellerzimmer geküsst hat, beginnt man sich zu fragen, ob die Menschen in seinen Songs echt sind oder Produkte seiner Fantasie, wie viel autobiographisches in den Episoden seiner Lieder steckt. Auf „Compulsive Liar“ gibt er schließlich zu, dass „if I don’t love you, I’ll tell you anything / and I can trace the habit to when I was eleven /and I thought boys were pretty /and I couldn’t tell no one.“  Ein bisschen meint er wohl immer noch, er müsse sich verstecken, als könne er es noch nicht so ganz wahrhaben, dass er sich zeigen darf, völlig er selbst sein kann und eben genau dafür geliebt wird. An Dankbarkeit für diese Entwicklung mangelt es ihm jedoch definitiv nicht. Immer wieder schweift er heute Abend in vor Rührung getränkten Blicken über das Publikum, seufzt und haucht eine Menge „thank yous“ ins Mikro.

Als Ezra später für eine Zugabe auf die Bühne kommt (die beinahe so viele Songs umfasst, wie das eigentliche Konzert davor), beginnt die Band „Tell Them All To Go To Hell“ zu spielen, ein Lied, das Ezra fast schon traditionsgemäß für Ansprachen und Appelle ans Publikum nutzt. In Paris sinnierte er an dieser Stelle über den Zustand seines Heimatlandes, über das Kippen einer Nation, über white supremacists. “I know, doooooowner”, schob er entschuldigend hinterher, als er in irritierte Gesichter blickte. Doch heute Abend in Wien scheint Ezra Schwierigkeiten zu haben, ein Thema zu finden, über das er klagen könnte.  Könnte es sein, dass da ein Mensch auf der Bühne steht, der ganz langsam erst begreift, was es heißt, unsagbares Glück zu verspüren, fernab von jeder Angst, fernab jeder Depression?  “Sometimes… sometimes life is actually good”, ist also das einzige, was Ezra dem Publikum heute mitgeben will und er selbst scheint über diese Erkenntnis verwundert zu sein.

Als Zeichen der Wertschätzung für das Wiener Publikum, das ihm doch irgendwie das liebste zu sein scheint, hat Ezra beschlossen, eine Akustik-Version von „Take Off Your Sunglasses“ zu spielen, ein Song, der sich eigentlich schon seit Jahren nicht mehr auf seinen Setlists befindet. „I haven’t played this in a long time, I’m not sure if I even remember the chords“, entschuldigt sich Ezra schon mal vorläufig, doch die Darbietung gelingt ihm, so wie alles an diesem Abend.

Kurz bevor Ezra die Bühne verlässt, sinniert er noch ein wenig darüber, wie sehr die Stadt Wien eine Heimat fern seiner eigenen geworden ist und man weiß nicht genau was man sich darunter vorstellen kann, wenn einer wie er von Heimat spricht, ein Ruheloser, ein Wanderer, ein Verlorener. Redet er von Chicago oder doch von der Welt in seinem Kopf, dem Zufluchtsort aus Kunst und Katharsis?

Nochmal schweift sein Blick über die Menge und tastet die Gesichter ab, als würde er sich von ihnen eine Antwort erhoffen, auf die Frage, wie das alles passieren konnte, wie aus dem schüchternen Jungen aus Evanston, Illinois ein Star werden konnte, der im Begriff ist, die Welt zu erobern.  „Thank you“ haucht er noch einmal. Dabei ist er es, dem aller Dank gebührt.

 

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