„“Être parisien, ce n’est pas être né à Paris, c’est y renaître…“

Mittwoch, 15.03.2017, Tag 1

Paris – Charles de Gaulle ist ein Flughafen wie jeder andere.

Luxus-Boutiquen, Convenient Food, „Rent a Car!“, Kaffee für 6 Euro.

Das Potenzial für poetische Beschreibungen, das ein Ort birgt, an dem  Menschen aus aller Welt zusammenkommen und Geschichten anfangen und enden, kommt letztendlich selten dazu, sich zu entfalten, zu gehetzt sind die Gesichter, zu lange sind die Wartezeiten, zu routiniert die Abläufe.

Ein Flughafen wie jeder andere also.

Sobald man aber in die Schnellbahn steigt, die einen ins Pariser Zentrum bringt, merkt man, dass hier etwas anders ist.

Mit den ersten französischen Ortsschildern, die draußen vorbeiziehen und den ersten Vorstadtbewohnern und -besuchern,  die sich im Zug zu den Touristen gesellen, beginnt die Magie, die Paris innewohnt, sich in die Magengruben und Augenlichter zu schleichen.

Ein junges Pärchen steigt ein, sie kuscheln sich auf die Sitzbänke, sie hat „Le deuxième sexe“ von Simone de Beauvoir in der Hand, liest ihm Stellen daraus vor, sie küssen sich.

Ich verstehe nicht, was sie sagen, aber ich verstehe, wie sie denken, ich verstehe wie sie lieben.

Ich lächle sie an, als ich in Châtelet aussteige, sie lächeln zurück.

Wenig später steige ich in Bastille aus und nehme denselben Ausgang wie immer, über die Treppen vor der Opéra. Als ich aus dem U-Bahn Aufgang hinaustrete erstrecken sich die Stufen vor mir, oben sieht man nur den wolkenlosen Himmel und die Spitze der Colonne de Juillet.

Ein Mann spielt Trompete am Place de la Bastille, es hört sich an wie erklingende Fanfaren.

Nostalgisch schlendere ich durch Paris und werde daran erinnert, was es ist, an das ich immer wehmütig denke, wenn jemand das Wort „Paris“ in meiner Gegenwart fallen lässt.
Die Cafés, die Menschen, mit ihrem Lebenshunger und den wachen Augen, die über alle Straßen verstreut sind, die engen, mit Pflastersteinen gesäumten Gassen, die Neonlichter und der violette Nebel, der sich spätnachts über die Stadt legt.
Am meisten vermisst habe ich aber wohl dieses aufrichtige Interesse, das Pariser mir gegenüber und gegenüber den Menschen generell zeigen. Die Art, wie sie auf die Leute zugehen.
In Paris ist es nie ein „Was bist du?“, sondern ein „Wer bist du?“.
Es interessiert sie selten, was für einen Job du hast, ob und was du studiert hast, welche materiellen Güter du besitzt, viel eher zählt für sie, woran du denkst, wenn du nachts alleine im Bett liegst, welche deiner Leidenschaften deine Augen am meisten zum Leuchten bringt, wenn du über sie redest, wen du liebst, was du liest, wie du fühlst.

Später liege ich erschöpft im Hotelzimmer, ich schalte den Fernseher ein. Geert Wilders Gesicht ist zu sehen und das besorgte Gesicht eines TV-Moderators.

Ich schalte aus. Das Weltgeschehen scheint plötzlich so unwichtig, wenn sich die Boulevards von Bastille vor dem eigenen Fenster erstrecken.

 

Donnerstag, 16.03.2017, Tag 2

Ich wache früh auf und hole mir einen Kaffee ums Eck von meinem Hotel.

Es ist ein wunderbar sonniger, beinahe heißer Tag und die Dächer von Paris leuchten.

Ich fahre Richtung Montmatre, die Sacré Coeur Basilica glänzt schon von weitem in der Sonne.

Am frühen Vormittag sind hier noch kaum Touristen, die meisten Cafés noch geschlossen, es liegt eine Ruhe über den Gassen, die bald dem Ansturm der Reisegruppen weichen wird.

Ich spaziere wieder hinunter, in Richtung des 9. arrondisments. Hunger macht sich langsam in mir breit, ein Café lockt mit günstiger Plat du jour, Forelle mit Hühnersalat, sie schmeckt wie der heutige Tag, nach einem Paris voller Genuss.

Ich besuche das Maison de la vie romantique, dessen Teegarten an diesem wunderschönen Nachmittag gut besucht ist, die Menschen halten ihre Gesichter in die Sonne und lassen sich vom Frühling wärmen.

Am Abend sehe ich die Punkband The Garden im Point Ephémère. Schon bei der Vorband – The Small Assassins – ist der Club voll. In der Umbaupause hole ich mir ein Bier, The Garden kommen auf die Bühne, der Beat von „U Want The Scoop“ startet, Fletcher, der Drummer, springt in die Menge, der gesamte Saal wird zu einem einzigen Moshpit, mein 7 Euro Bier spritzt in alle Richtungen. Alles innerhalb einer Sekunde.

Eine Stunde und 25 Songs später stehe ich nassgeschwitzt vor dem Club, rauche die erste Zigarette seit langem und genieße die Post-Konzert-Euphorie, die durch meine Venen fließt.

Ich rede kurz mit der Band und nehme die letzte Metro, die über die warmen Lichter der Stadt rattert.

Paris, Paris, Paris, du Liebe meines Lebens.

 

Freitag, 17.03.2017, Tag 3

Am späten Vormittag habe ich einen Termin in einem Haarsalon in Bastille. Ich hatte befürchtet, dass mein mangelhaftes Französisch zu einigen Verständnisproblemen führen würde und tatsächlich, die Friseure dort können alle kaum Englisch, sind aber wahnsinnig nett und bemüht. Die Schuldgefühle, die ich wegen meiner sprachlichen Ignoranz empfinde, versuche ich zu beseitigen, indem ich mehrmals Unterhaltungen auf Französisch beginne, diese aber sehr schnell wieder abbrechen muss. Mein Französisch ist offenbar noch schlechter, als ich dachte. Man weiß wohl erst, dass man eine Sprache wirklich beherrscht, wenn man drei Stunden Small Talk beim Friseur mit ihr besteht.

Glücklich über meinen neuen Haarschnitt  spaziere ich noch durch Bastille, kaufe Platten, Bücher und ein neues Kleid. Ich liebe wie die Menschen hier lächeln.

Abends treffe ich einen Freund, wir trinken ein paar Bier in einer Bar und gehen dann in einen Club in der rue Jean Pierre Timbeaud, in dem er auflegen wird.
Als ich später für eine Zigarette vor die Tür gehe, sehe ich die Militärstreifen und die mit Sturmgewehren ausgestatteten Polizisten, die mit aggressiven Blicken alle Vorbeiziehenden mustern. Schon die letzten Male, als ich hier war, ist mir diese verstörende Diskrepanz aufgefallen, zwischen den schwer bewaffneten Polizisten, die sich mittlerweile zu jeder Uhrzeit in jeder belebten Straße aufhalten und den neben ihnen unbeirrt und ausgelassen feiernden Franzosen.

Wer hat jetzt gewonnen?

 

Samstag, 18.03.2017, Tag 4

Obwohl ich gestern nur sehr wenig getrunken habe, wache ich mit einem grauenhaften Hangover auf. Seit fast zwei Jahren schon habe ich eine Art chronische Sinusitis und eine mit ihr einhergehende chronische Müdigkeit. Beides führt dazu, dass ich mich mittlerweile von einem Bier am nächsten Tag so fühle wie früher nach 10 Bier und 3 Tequila.

Ich kämpfe mich langsam aus dem Hotel und bestelle mir in dem Café nebenan ein Kater-Frühstück, Omelette mit Schinken und Käse, dazu Brot und ganz ganz viel Kaffee.

Gestärkt und etwas lebendiger als noch vor einer Stunde mache ich mich auf Richtung Metro, ohne besonderes Ziel. Mehrere Polizeiwagen fahren an mir vorbei und je weiter ich mich dem Place de la Bastille nähere, desto sichtbarer werden die riesigen Menschenmengen, die sich dort tummeln.
Es ist ein politischer Marsch, der hier gerade stattfindet, ich mische mich unter die Leute, versuche die hochgehaltenen Schilder zu lesen, um sicherzustellen, dass ich hier nicht gerade mit Front National – Anhängern mitlaufe. „Écologiste“ steht auf ihren Plakaten, „Égalité“. Es ist die Kommunistische Partei, die diesen Marsch hier veranstaltet, merke ich bald.
Ich laufe noch ein Stücken mit ihnen mit. Es sind unglaublich viele Menschen auf den Straßen, auch ein paar Wahlkampfstände, die für Macron und Fillon werben, sind hier aufgebaut, die Leute debattieren und diskutieren auf den Straßen, Fernsehteams überall.
Die Franzosen haben wahrlich eine ganz besondere Art, sich für Politik und Kultur und Weltgeschehen im Allgemeinen zu begeistern, etwas, das mir in Österreich oft fehlt.

Ein paar Stunden später treffe ich mich mit einem Freund, wir gehen ins Picasso Museum und schlendern danach durch den wunderbaren Marais, der zwar noch ein wenig im Frühjahrs-Nebel badet, aber trotzdem schon erahnen lässt, wie hier bald alles und jeder in Sommerfrische erblühen wird.

Mit wunden Füßen und den Hangover-Symptomen, die sich langsam wieder melden, lege ich mich später noch einmal kurz ins Bett und versuche zu schlafen. Hoffnungslos.

Ich dusche, ziehe mich um und mache mich auf den Weg in den 19. arrondissement, ins Trabendo, wo heute ein paar Bands, einschließlich Moon Duo spielen.

Etwas verspätet komme ich in dem Club im Parc de la Vilette an, verpasse die erste Band Sierra Nevada, leider, da deren Musik, die ich vorab auf YouTube gehört hatte, sehr vielversprechend klang. Nach ihnen spielt Sam Fleisch.

Nachdem deiser sein Set beendet hat, gehe ich raus auf den Raucherhof, Freunde von mir wollten heute auch kommen, ich schreibe einem von ihnen und sehe ihn im selben Moment ein paar Meter weiter stehen. Wir begrüßen uns und stellen fest, dass wir uns ein Jahr lang nicht gesehen haben.

Man glaubt immer, man hätte sich so viel mehr zu erzählen, wenn man sich nicht ganz so oft sieht, aber das stimmt nur bedingt. Wenn im Leben des anderen so viel passiert, das man nicht mitbekommt, eine Entwicklung stattfindet und man ist nicht dabei, macht es das viel schwerer, alles Geschehene im Detail zu beleuchten. Es fehlt so viel, um den Weg zu verstehen.
Dennoch liebe ich es, wie es mit manchen Freunden oft so wirkt, als wäre keine Zeit vergangen, immer, wenn man sie wiedersieht.

Moon Duo beginnen zu spielen, wir gehen in den Club. Normalerweise empfinde ich Säulen in Konzerthallen als extrem störend, aber heute bin ich dankbar für die zwei, die sich vor der Bühne befinden. Mein Körper fühlt sich an wie niedergeschossenes Wild, ich kann mich kaum auf den Beinen halten und der einlullende Psych-Sound der Band lässt meine Lider schwer werden.

Als Moon Duo ihren letzten Songs spielen, bin ich – obwohl das Konzert sound- und setlisttechnisch sehr, sehr gut war – fast ein wenig erleichtert, beinahe wäre ich im Stehen eingeschlafen.

Wir gehen nach draußen und fahren nach Belleville in die Wohnung eines Bekannten. Während wir in der Metro sitzen macht sich ein ambivalentes Gefühl in mir breit, das noch die ganze Nacht anhalten wird. Einerseits ist es unglaublich schön in einer mehr oder weniger fremden Stadt eine Gemeinschaft zu finden, in der man dazugehört, Freundeskreise abseits der Heimat zu haben, anzukommen, wenn auch nur für ein paar Tage. Während wir aber herumsitzen, Platten hören, über Musik, Mietpreise und den Luxus von Geschirrspülern plaudern, beschleicht mich plötzlich ein Gedanke, der in mir eine Leere auslöst, deren Tiefe ich mir selbst nicht erklären kann. Würde ich nach Paris ziehen, wäre das hier wohl mein Leben. Mein Freundeskreis würde aus unter anderem diesen Leuten bestehen, ich würde auf Konzerte gehen und danach in eine dieser Bars die ich alle bereits kenne, hätte einen Job, eine Metro-Jahreskarte, eine Lieblingspizzeria und ein Konto bei einer französischen Bank, eine kleine Wohnung in Bastille und ein Lieblingsplätzchen im Jardin. Ich sah mein potentielles Leben in Paris so klar vor mir, als würde ich es bereits leben, ein bisschen tat ich es ja gerade auch. Ich glaube es ist egal wo man wohnt, ob in Wien, New York, London oder L.A., man baut sich trotzdem immer ein Dorf in seiner Stadt und schnell zieht Beschaulichkeit und Routine ins Leben ein. Und dieses Gefühl, dieses Gefühl, dass auch Paris Gewohnheit werden könnte – es machte mich unsagbar traurig.

Ich hatte mal in eines meiner Tagebücher geschrieben, das war bevor ich nach Wien zog, dass ich Wien immer als Zufluchtsort von der Steiermark empfunden hatte. Wenn nun aber mein Fluchtort mein Heimatort werden würde, wohin würde ich dann flüchten?

Diese Frage stellte ich mir gerade wieder.

Gegen vier Uhr Früh nehme ich mir ein Taxi ins Hotel, der Fahrer fragt, was für Musik ich denn hören würde. Er kennt The Clash nicht und auch die Beatles nicht (behauptet er zumindest), aber Bob Dylan, ja, den würde er auch mögen, meint er und kramt aus dem Handschuhfach eine CD.

„How does it feel to be on your own? With no direction home?“

Ich glaube, meine größte Angst war immer, mir diese Fragen irgendwann nicht mehr stellen zu können.

 

Sonntag, 19.03.2017, Tag 5

Ich wache auf und fühle wieder Schmerz, aber es ist ein anderer Schmerz, der, der mich immer befällt, wenn ein kleines Abenteuer endet und das neue noch nicht in Sicht ist.

Tatsächlich, ich gewöhne mich wohl immer zu schnell an alles, vielleicht ist es deshalb gut, dass nichts für immer ist und alles immer zerbricht, alles immer endet. Gewohnheit, das muss man auch erst einmal hinkriegen.

Mir fallen die unzähligen Bier und die mehreren Gläser Schnaps ein, die ich gestern getrunken habe und der Gedanke an die Heimreise lähmt meine Knochen so sehr, wie die Dehydrierung meine Zunge. Nach den ersten Schritten auf dem Boulevard de Faubourg Saint-Antoine verfällt mein Körper in einen Überlebensmodus und ich schaffe es sogar noch ein wenig durch den Marais zu spazieren und mich ans Seine-Ufer zu setzen. Ich versuche zu lesen, aber die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen.

Später steige ich in die S-Bahn zum Flughafen und bin froh, dass der Kater meine Gefühle dämpft, es tut so weh Paris zu verlassen, aber immerhin, Städte warten treu auf jemandes Wiederkehr, ganz im Gegensatz zu Menschen.

Paris, Paris, die Stadt der Liebe, der Liebe zu sich selbst, allen voran. Die ist es, die ich hier immer spüre. Und die Gewissheit, dass hier alles etwas anders ist, alles etwas schöner.

Die Maschine der Austrian Airlines fliegt eine Schleife in den Sonnenuntergang, von weitem sieht man noch den Eiffelturm inbrünstig leuchten, wie ein Leuchtturm, der verlorenen Seelen deutet, dass sie angekommen sind.

 

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