Conor Oberst im Museumsquartier // Review

In einer Episode der Serie The O.C., stellt Seth Cohen erstaunt fest, dass Bright Eyes – eine seiner Lieblingsbands – es mit zwei Alben in die Top Ten der us-amerikanischen Charts geschafft haben. “I’m okay with that, I just feel like the rest of the world’s finally caught up to me.” Das war 2005, der Emo-Hype war auf seinem Höhepunkt und die Karriere von Conor Oberst und seiner Band Bright Eyes ebenso.

Jetzt ist es 2017 und all die traurigen, unverstandenen Teenager, die sich damals mit 15 Jahren die Augen zu der Musik von Bright Eyes ausweinten, sind nun erwachsen. Das Publikum, das sich im Foyer der Halle E im Wiener Museumsquartier eingefunden hat, besteht deshalb hauptsächlich aus Menschen in ihren späten 20ern und 30ern. Womöglich ist das auch ein wenig dem Ticketpreis geschuldet (um die 50 Euro, je nach Kategorie) und dem Aufbau des Konzerts (es gibt nur Sitzplätze und der ganze Abend ist in einem schicken Ambiente gehalten, das teilweise etwas im Widerspruch zu der heute zu hörenden Musik steht).

Conor Oberst hat gleich zwei Vorbands mit im Gepäck, den Songwriter Miwi La Lupa aus Buffalo und Phoebe Bridgers, eine junge Folk-Sängerin aus Kalifornien. Beide Support-Künstler schlagen musikalisch in dieselbe Kerbe wie Conor Oberst, sie klingen sehr amerikanisch und sehr, sehr traurig, während sie allein mit ihrer Gitarre ihre Songs auf der Bühne bestreiten.

Oberst gibt sich im Laufe des Abends des öfteren als großen Fan von Phoebe Bridgers‘ Musik zu erkennen, prophezeit später auf der Bühne “She’s gonna become a big star after her debut album comes out. Next time I’ll be opening for her!” Seine Lobeshymnen sind gerechtfertigt, Phoebe hat eine einnehmende Bühnenpräsenz und haucht ihre Songs mit einer schüchternen, engelsgleichen Stimme ins Mikrophon. “I can hardly feel anything”, singt sie in einem ihrer Lieder, doch es klingt vielmehr so, als würde sie zu viel fühlen.

Vom ‚zu viel fühlen‘ kann Conor Oberst ein Lied singen und tut auch genau das im Anschluss an Phoebe Bridgers‘ Auftritt. Conor, der sein erstes Album bereits im Alter von 13 Jahren mithilfe seines Bruders veröffentlicht hat, kann mittlerweile auf eine lange musikalische Karriere zurückblicken, in der er in mehreren Bands gespielt und ein beeindruckendes Song-Oeuvre geschaffen hat. Alleine mit den Bright Eyes hat er neun Alben und EPs auf dem namhaften, gemeinsam mit seinem Bruder und Mike Mogis gegründeten, Saddle Creek Label veröffentlicht. Im Oktober 2016 hat schließlich sein neuestes Solo-Album das Licht der Öffentlichkeit erblickt, „Ruminations“ heißt das Werk. Es hätte sich wohl kein Monat des Jahres besser für die Veröffentlichung geeignet als der Oktober, Ruminations klingt nach düsteren, verregneten Herbst-Nachmittagen, vor allem aufgrund des häufigen Einsatzes der Mundharmonika, die Conor später als “the most American of all instruments” vorstellt.

Das heutige Set von Conor Oberst setzt sich hauptsächlich aus Songs von Ruminations zusammen, gespickt mit ein paar Songs der Bright Eyes. Die Museumsquartier-Halle wird der intimen und gleichzeitig stürmisch-ergreifenden Stimmung der Platte mehr als gerecht und Conor’s Auftritt profitiert wie auch die Auftritte seiner Vorgänger von dem nahezu perfekten Sound, der in der Halle vorherrscht.

Getränke bekommt man nur im Foyer der Halle serviert und dürfen nicht mit in den Saal genommen werden. Das entpuppt sich im weiteren Verlaufes des Konzertes wohl als großer Vorteil für viele Besucher. Denn sogar ohne Alkohol ist es schwer, den Drang zu unterdrücken, sentimentale SMS an verlorene Liebhaber zu verfassen, den Conors langsame Folk-Musik und vor allem seine zutiefst traurigen Texte in einem wecken.

Miwi La Lupa, der den ersten Support-Slot des Abends bestritten hat, steht nun auch bei Conor’s Auftritt wieder auf der Bühne und unterstützt ihn an der Gitarre. “He’s the only friend I have left”, sagt Conor später, den Blick auf ihn gerichtet. Dass ein klein wenig bitterer Ernst in diesen Worten mitschwingen könnte, wird einem vor allem bewusst, wenn man den skandalbehafteten Medienrummel um Conor Oberst mitbekommen hat, der vor drei Jahren um ihn herrschte. Anfang des Jahres 2014 wurde Oberst von Joanie Faircloth, einem „Fan“, beschuldigt, sie nach einem Konzert vergewaltigt zu haben. Die Vorwürfe erwiesen sich später als haltlos und erfunden, dennoch hatten sie bis zu ihrer Beseitigung einiges an Schaden angerichtet, Conor’s Karriere schien kurzzeitig ruiniert.  Ein Song auf seinem neuen Solo-Album trägt den Titel „You All Loved Him Once.” Oberst zufolge, ist der Song an das Drama „Julius Caesar“ von Shakespeare angelehnt, doch Zeilen wie „You all loved him once / When his glory was unmatched / Oh, when it came time to stand with him / You scattered with the rats / You all loved him once / That time has passed”, lassen in Anbetracht der jüngsten Ereignisse auch den Schluss zu, dass Conor hier einige turbulente Sequenzen aus seinem Leben autobiographisch verarbeitet hat.

Mittlerweile ist die Presse Conor Oberst gegenüber jedoch wieder wohlwollend gesinnt, Ruminations erhielt durchwegs positive Kritiken. Auch die Vergleiche mit Bob Dylan, die regelmäßig von Musikjournalisten und Fans gezogen werden, wurden wieder laut und diesmal sind sie nachvollziehbarer denn je. Die spärlich instrumentalisierten, harmonika-getragenen Folk-Lieder auf Conor’s neuestem Werk erzählen Geschichten in bester Dylan-Manier, anklagend und dennoch verletzlich. Während die Texte von Bob Dylan jedoch eher den Beobachtungen über seine Umgebung entstammen, handeln Conor Obersts Texte hauptsächlich von seinem eigenen, krisengebeutelten Innenleben.

Nichtsdestoweniger hat Oberst aber auch ein Gespür für das große Ganze, das um ihn herum passiert und eine starke politische Meinung, die er sich auch nicht scheut, mehrmals mit dem Publikum zu teilen.

Conor sinniert in den Pausen zwischen den Songs über allerhand gesellschaftliches, das ihm durch den Kopf geht, auch über die einzigen zwei Dinge im Leben, die dem Menschen gewiss wären, der Tod und die Steuern nämlich. Diese Beobachtung sei jedoch auch nicht ganz richtig, denn „it’s mostly the poor people who pay taxes and there are people who don’t pay any taxes – like that orange fucking rat who is gonna become our president tomorrow”, bemerkt Oberst hinsichtlich der Inauguration Donald Trumps am folgenden Tag.

Tatsächlich fragt man sich manchmal, was für ein Amerika es denn sei, das die Wähler von Trump sich so sehnsüchtig zurückwünschen, während sie „Make Amerika Great Again!“ skandieren. Was auch immer sie vor ihrem geistigen Auge sehen, wenn sie die ursprünglichen USA wiederauferstehen lassen wollen, sie wären wohl besser damit beraten gewesen, die Rettung des American Dream in Conor Oberst Hände zu legen. Denn Ruminations erweckt Bilder von einem weit zurückliegenden Amerika, einem Amerika wie es in Romanen von John Steinbeck beschrieben wird, der Heimat von Willie Nelson und Sherwood Anderson, von feurig-roten Sonnenuntergängen in der Prärie von Arizona, hölzernen, weiß-gestrichenen Veranden in den Vorstädten und Landstraßen von Colorado, das ganze essentielle Wesen des Americana, verpackt in mehrminütige Songs.

Diese Magie zieht sich auch heute Nacht durch den Konzertsaal, nur ab und zu unterbrochen von Leuten im Publikum, die an den falschen Stellen zu laut lachen und einem demütigen Conor Oberst, der sich, ausgeglichen und redefreudig, öfter der Menge zuwendet. Einzig die Augenringe, die sich tief in Conors Gesicht eingegraben haben, erinnern noch an vergangene Zeiten in Oberst Leben, an Tage voller Wehmut und Nächte getränkt in Alkohol und Drogen. Mittlerweile hat er all dem abgeschworen, trinkt keinen Alkohol mehr und greift auch auf der Bühne nur mehr zu stillem Wasser.

Es ist schön, Conor so gesund zu erleben, vor allem, weil die Intensität und Zerrissenheit seiner Songs nicht darunter leidet. Oberst ist nach wie vor im Besitz einer empfindlichen Seele, einer dünnen Haut und einem aufgewühlten Geist, der solch wunderbare Textzeilen entstehen lässt wie “She kisses his neck / she plays with his hair / Her screams sound like pleasure / her moans like despair” aus dem Song “Gossamer Thin”.

Einer der Bright Eyes Songs, die Conor heute spielt, ist “The Ladder Song” vom “People’s Key” Album. Während er die Zeile “You’re not alone in anything / You’re not alone in trying to be” singt, lässt er seinen Arm langsam Richtung Publikum schweifen. Viele der Menschen, die heute im Publikum sitzen, haben wohl tatsächlich schon öfter ihre vermeintliche oder tatsächliche Einsamkeit in Songs von Conor Oberst ertränkt, er schrieb den Soundtrack zu abertausenden traurigen Teenager-Leben und Teenager-Leiden.

„What she managed to do / Become a symbol for a pain she never knew”, sagt Conor Oberst über Jane Fonda auf “A Little Uncanny”.
Er selbst kennt den Weltschmerz, für den er zum Symbol wurde, wohl viel zu gut.

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